Halberstadts vergessene jüdische Geschichte zwischen Zerstörung und Erinnerungskämpfen
Madlen ScholzHalberstadts vergessene jüdische Geschichte zwischen Zerstörung und Erinnerungskämpfen
Halberstadts jüdische Geschichte ist geprägt von Zerstörung, Widerstandskraft und vergessenen Erben. Einst ein blühendes Zentrum des neorthodoxen Judentums, wurde die Gemeinde zwischen 1938 und 1942 ausgelöscht. Jahrzehnte später tauchte ihr Gedächtnis wieder auf – in Literatur, politischen Umbrüchen und nachwirkenden Spannungen: vom Gedenkort eines Konzentrationslagers bis zu umstrittenen Grundstücksverkäufen.
Während der NS-Zeit wurde das jüdische Leben in Halberstadt systematisch getilgt. Bis 1942 war die einst lebendige Gemeinde vernichtet, ihre Synagoge bereits 1938 zerstört. Der Pastor Martin Gabriel merkte später an, dass Halberstadts allgemeiner Niedergang mit diesem Angriff begonnen habe.
In der Nähe der Stadt zwang das Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge Häftlinge zu brutaler Zwangsarbeit. 1949 entstand dort eine Gedenkstätte für die Opfer. Doch 1969 wurde der Ort umgestaltet – nicht mehr nur als Stätte des Gedenkens, sondern auch als Schauplatz politischer Bekenntnisse. Unter der Erde lagen unmarkierte Gräber von Häftlingen, während die Nationalen Volksarmee der DDR die Lagertunnel oberirdisch als militärisches Depot nutzte.
In den 1950er- und 60er-Jahren hielten sich noch einzelne jüdische Stimmen. Willy Calm, der letzte überlebende Jude Halberstadts, wurde zum offiziellen Ansprechpartner für die verschwundene Gemeinde. Die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati zog 1952 nach Ost-Berlin und nahm drei Schallplatten auf – bis ihre Werke nach dem Sechstagekrieg 1967 aus dem Rundfunk verbannt wurden. Gleichzeitig verarbeiteten DDR-Autoren wie Peter Edel und Jurek Becker jüdische Schicksale in Romanen wie „Die Bilder des Zeugen Schattmann“ und „Jakob der Lügner“.
Erst 2018 entfachte der Verkauf des Einkaufszentrums Rathauspassagen alte Vorurteile neu. Gerüchte über eine „Verschacherung an die Juden“ machten die Runde und zeigten, wie tief die Vergangenheit noch nachwirkt. Philipp Grafs Buch „Verweigerte Erbschaft“ untersucht diese Widersprüche und zeichnet nach, wie Halberstadts jüdische Geschichte unter der antifaschistischen Ideologie der DDR zugleich unterdrückt und selektiv instrumentalisiert wurde.
Heute bewahrt Halberstadt sein jüdisches Erbe nur in Fragmenten – durch Literatur, Gedenkorte und umstrittene Räume. Die Geschichte der Stadt spiegelt größere Kämpfe um Erinnerung wider, von der NS-Zerstörung bis zur Politik des Kalten Krieges. Doch die Echos der ausgelöschten Gemeinde melden sich immer wieder zu Wort: in Büchern, Grundstücksstreitigkeiten und dem Land selbst.






